Die Zehnkämpfer Mathias Brugger und Tim Nowak bei der Leichtatheltik-EM in Amsterdam. © imago

Busemanns EM-Kolumne

Athleten zwischen Anspruch und Wirklichkeit

von Frank Busemann

Bei den Europameisterschaften in Amsterdam zeigt sich: Einsatz wird belohnt - wenn auch nicht immer mit Medaillen. ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann macht sich Gedanken über Anspruch und Wirklichkeit - und hat dabei einen ganz besonderen Blick auf das junge deutsche Team. Das hat mehr als eine Chance verdient.

Sport ist so schön. Da rennt Cindy Roleder wie von der Tarantel gestochen und wiederholt ihren Husarenritt von der WM 2015. Aber manchmal ist er auch wirklich grausam. Da kommt der Haushochfavorit Thomas Röhler und bohrt den Speer bei 80 Meter in die Wiese. Er ist so vorhersehbar. Da kommt eine wiedergenesene Christina Schwanitz und meldet sich in der Weltspitze zurück. Sport ist aber auch verwirrend. Da starten drei Zehnkämpfer und ein halber kommt ins Ziel. Freud und Leid liegen so dicht beieinander. Julian Reus fliegt durch eine Tausendstelentscheidung aus dem Finale. Es war ein Wechselbad der Gefühle. Anspruch und Wirklichkeit trennen manchmal nur ein Wimpernschlag.

Internationale Luft schnuppern!

Die deutsche 200-Meter Läuferin Gina Lückenkemper © picture alliance / dpa Foto: Michael Kappeler

Erfrischend: Gina Lückenkemper sprintet frech zur Bronzemedaille.

Im vergangenen Jahr bekam ich zu Ohren, dass sich ein Zuschauer über die schwachen Leistungen einer Gina Lückenkemper beschwerte. Warum war sie überhaupt in Peking, warum machte das Fernsehen eine Geschichte über die jüngste Teilnehmerin, sie erreichte noch nicht einmal das Finale?! Die Antwort kann nur lauten: Genau deswegen! Ohne Druck internationale Luft schnuppern und ein Jahr später (mit 19 Jahren!) eine Medaille bei den Großen holen. So einfach ist seit einiger Zeit die Rechnung des DLV.

Was hinter den Ergebnissen steckt

Eine 100-Mann/Frau-starke Mannschaft hat alles, was eine Story braucht. Gewinner, Verlierer, Newcomer, Oldies, Nervenflatterige, Coole, Lässige, Verschwitzte, Enttäuschte, Strahlemänner. Und oftmals sehen wir nur das blanke Ergebnis dieser verdammten Leichtathletik, die so schön und unbarmherzig ist. Der Röhler wirft kurz vorher elf Meter weiter und versagt hier! Pah, Stümper! Der Röhler hat sich aber auch vorher eine Rippe gequetscht und wirft unter größten Schmerzen. Wer diesen 800 Gramm schweren Zahnstocher schon mal dreißig Meter geworfen hat, der weiß, wie das zwiebelt. Ui, ein ganz schön harter Kerl!

Bitte immer realistisch bleiben

Auch die sogenannte zweite Reihe, in der Vergangenheit von Enttäuschten auch mal als Touristen tituliert, gibt ihr Bestes. Und wenn das nicht reicht, waren die anderen wohl besser. Wir wollen einen Anti-Doping-Kampf führen, aber unseren sauberen Athleten weiß machen, dass es sich nicht lohnt, sich zu schinden, weil allein der Weltmaßstab zählt? Nein! Machen wir zum Glück nicht mehr. Wenn sie in Amsterdam an ihre persönlichen Vorleistungen kommen, dann ist das okay. Wenn das unsere Besten sind, dann ist das so. Mittlerweile stechen sie aber schon aus der Masse heraus, weil man ihnen die Muße und Zuversicht gibt, dass ein internationaler Einsatz möglich ist.

Die "Könige der Athleten" geben alles

Der deutsche Zehnkämpfer Mathias Brugger © imago/Chai v.d. Laage

Mathias Brugger und Co. kämpften im EM-Zehnkampf bis zum Schluss wie die Löwen.

Ein René Stauß verknackst sich eine Woche vorher den Fuß und springt damit hoch. Nicht gut, aber wie soll das gehen? Er macht den Wettkampf sogar zu Ende. Zehnkampf und lange laufen passt nicht, aber er tut sich das an. Scheinbar liebt der das Leiden. Ein Tim Nowak stürzt über die Hürde, beendet den Zehnkampf ebenfalls und hilft seinem Teamkollegen Mathias Brugger über 1.500 Meter. Dieser steht vollkommen bedröppelt im Ziel und ist total enttäuscht. Im Hochsprung macht der Oberschenkel zu. Hochsprung ist Nummer vier, das Ende ist zehn. Zehn minus vier ergibt sechs. Mehr als den halben Wettkampf in der Ungewissheit zu bestreiten, ob der Körper mitmacht, das ist kein Zuckerschlecken. Er hat sich durchgekämpft. Alles gegeben. Trotz widriger Umstände ein bisschen mehr als 100 Punkte unter Bestleistung. Er ist selbst mit seiner Leistung unzufrieden.

Drama muss sein

Natürlich hoffen wir immer auf den Big Bang. Aber auch das sind Geschichten. Ein Happy End macht mehr Spaß. Aber Sport ist nicht einfach. Selbstverständlich versuchen alle, ihr Maximum am Saisonhöhepunkt zu erreichen. Bei 100 Mann klappt das nicht zu 100 Prozent. Wenn alle Christina Schwanitz sein würden, dann wäre es langweilig. Die anderen Nationen würden wegen Chancenlosigkeit nicht melden und der Pulsschlag des Zuschauers wäre so hoch wie bei einem Heimatfilm. Kugelstoßen ist aus deutscher Sicht super, aber das ist echt hart erarbeitet. Wollen wir beim Saisonhöhepunkt vor der Glotze wegdösen? Nee, natürlich nicht. Erst das macht gutes Abschneiden so schön, weil es ganz dicht beim "Versagen" liegt. Drama muss sein. Es ist nicht schön, aber genau das macht den Sport so unberechenbar, so verdammt schön, aber auch grausam.

So, genug gepoltert.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 09.07.2016, 20.15 Uhr

Stand: 07.07.16 21:54 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Polen POL 6 5 1
2. Flagge Deutschland GER 5 4 7
3. Flagge Großbritannien GBR 5 3 8
4. Flagge Türkei TUR 4 5 3
5. Flagge Niederlande NED 4 1 2
6. Flagge Spanien ESP 3 4 1
7. Flagge Portugal POR 3 1 2
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