Der deutsche Kugelstoßer David Storl © dpa Fotograf: Michael Kappeler

EM-Bilanz

DLV-Asse mit viel Rückenwind nach Rio

von Bettina Lenner, sportschau.de

Rund 9.500 Kilometer liegen zwischen Amsterdam und Rio de Janeiro. Für die deutschen Leichtathleten waren die kontinentalen Titelkämpfe in der niederländischen Hauptstadt vor allem eine Durchgangsstation auf dem Weg zu den Sommerspielen in der brasilianischen Metropole - und eine gelungene Generalprobe.

Insgesamt 16 Medaillen (5-mal Gold, 4-mal Silber, 7-mal Bronze) verbuchten die DLV-Asse bei der EM und damit so viel Edelmetall wie 2012 in Helsinki (6-6-4) vor den Sommerspielen in London. In Zürich vor zwei Jahren hatte es acht Medaillen gegeben (4-1-3). "Der Auftritt der deutschen Mannschaft in Amsterdam war sehr erfreulich, das gibt uns Schwung. Wir können frohen Mutes nach Rio fahren", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop. Mit 100 Athleten, dem größten Team seit der EM 1998 in Budapest (112), war Deutschland bei den kontinentalen Titelkämpfen angetreten; um sich in Schwung zu bringen für Rio, oder auch - mit Perspektive für die Sommerspiele 2020 in Tokio - Erfahrungen auf der großen internationalen Bühne zu sammeln. Manch einem gelang beides.

Youngster Heß und Lückenkemper überzeugen

Max Heß zum Beispiel. Der Shootingstar sicherte sich wenige Tage vor seinem 20. Geburtstag sensationell EM-Gold im Dreisprung und ist nun auch ein Medaillenkandidat für Olympia. Sprinterin Gina Lückenkemper ist ebenfalls erst 19 - und schickt sich bereits an, die Lücke zu füllen, die Verena Sailer nach ihrem Karriereende im vergangenen Jahr hinterlassen hat. Über 200 m heimste die unbeschwerte Dortmunderin Bronze ein. 18 Jahre nach Melanie Paschke gab es damit wieder Edelmetall für das deutsche Team über diese Distanz. Mit der Staffel sprang ein weiterer dritter Platz für den Teenie heraus. "Max Heß oder Gina Lückenkemper haben Glanz in Disziplinen verbreitet, in denen wir lange Jahre abgeschrieben waren", sagte Prokop.

EM-Bilanz

Alle deutschen Medaillen-Gewinner von Amsterdam

Mit viel Selbstbewusstsein nach Rio

Mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen reisen auch etablierte Athleten wie Hammerwerferin Betty Heidler, die im vorletzten großen Wettkampf ihrer erfolgreichen Karriere Silber holte, oder Kugelstoßerin Christina Schwanitz nach Rio. Die Weltmeisterin fand nach langer Verletzungspause pünktlich zur Topform zurück und träumt nach ihrem überlegenen EM-Triumph vom ersten Olympia-Gold - genauso wie ihr Trainingskollege David Storl, der als einziger Kugelstoßer der Geschichte drei EM-Titel gewonnen hat. Ganz oben auf dem Treppchen landeten in Amsterdam auch zwei Läuferinnen: Vize-Weltmeisterin Cindy Roleder meldete über 100 m Hürden olympische Medaillenansprüche an, Gesa Felicitas Krause triumphierte überlegen über 3.000 m Hindernis.

Mihambo und Jakubczyk knacken die Norm

Keine Durchgangsstation, sondern vielmehr das Sprungbrett nach Brasilien war Amsterdam für Weitspringerin Malaika Mihambo, die nicht nur Bronze gewann, sondern auch die Olympia-Norm abhakte. Lucas Jakubczyk sprintete im 100-m-Halbfinale in 10,16 Sekunden exakt zum Richtwert, Speerwerferin Linda Stahl dürfte als Vize-Europameisterin im engen Rennen um die Olympia-Tickets nach der deutschen Meisterin Christin Hussong, die in Amsterdam überraschend in der Qualifikation gescheitert war, gesetzt sein.

Luxusproblem im Speerwurf der Frauen

Die deutsche Speerwerferin Linda Stahl © dpa - Bildfunk Fotograf: Michael Kappeler

"Hauptsache Rio": Linda Stahl bejubelt EM-Silber.

DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska und Co. stehen nun im Nominierungsmarathon, der direkt im Anschluss an die EM beginnt, dennoch vor einer kniffligen Entscheidung: Mindestens eine hochkarätige Speerwerferin muss zu Hause bleiben, weil nur drei Starterinnen erlaubt sind. Am Ende wird es wohl Weltmeisterin Katharina Molitor, in Amsterdam Vierte, oder ihre Vorgängerin Christina Obergföll treffen, die für die EM nicht berücksichtigt worden war. "Das wird eine super knappe Entscheidung", sagte Gonschinska und kündigte eine intensive Analyse an, bevor dem DOSB der Nominierungsvorschlag zugeschickt wird. Am Dienstag (12.07.16) fällt die endgültige Entscheidung, wenn der Dachverband die letzten deutschen Leichtathleten für Rio benennt.

"Wild Card" für Stabhochspringer Holzdeppe?

Wahrscheinlich findet dann trotz verpasster Norm auch Stabhochspringer Raphael Holzdeppe Berücksichtigung. Der Vize-Weltmeister hatte seinen EM-Start verletzungsbedingt absagen müssen, Gonschinska kündigte aber an, mit dem DOSB über eine Sonderfallregelung zu diskutieren. In Brasilien wieder mit dabei ist auch Diskus-Olympiasieger Robert Harting, der nach langer Verletzungspause auf die EM verzichtete und sich auf die Rio-Vorbereitung konzentrierte.

Gonschinska: "Müssen volle Leistungsstärke erreichen"

Speerwerfer Thomas Röhler © dpa

Für Speerwerfer Thomas Röhler lief es in Amsterdam nicht.

Christoph Harting gelang es in den Niederlanden nicht, für seinen älteren Bruder in die Bresche zu springen - Platz vier. Noch ein paar andere Asse stachen nicht: Top-Sprinter Julian Reus schaffte es als Solist weder über 100 noch 200 m ins Finale und blieb damit hinter den Erwartungen zurück. Ebenso wie die Speerwerfer um Gold-Favorit Thomas Röhler, der körperlich angeschlagen mit Platz fünf Vorlieb nehmen musste. "Wir haben noch nicht die Maximalleistung gesehen bei manchen Athleten, aber wir haben auch noch ein paar Wochen Zeit", sagte Gonschinska: "Die EM war eine Zwischenstation. Ich denke, dass wir 100 Prozent Leistung bei den deutschen Athleten noch nicht gesehen haben. Um bei einer WM oder Olympischen Spielen zu bestehen, müssen wir die volle Leistungsstärke erreichen."

In verschiedenen Trainingscamps sollen sich die deutschen Athleten nun den letzten Feinschliff holen, um am Zuckerhut ihr ganzes Potenzial abrufen zu können. In rund fünf Wochen. In Rio de Janeiro. Etwa 9.500 Kilometer von Amsterdam entfernt.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 09.07.2016, 20.15 Uhr

Stand: 10.07.16 20:34 Uhr