Shanice Craft © dpa - Bildfunk Fotograf: Rainer Jensen

EM-Geschichte

2014: Große Hoffnungen trotz schwacher DLV-Bilanz

Mit 92 Startern und rund 20 Medaillenkandidaten war das DLV-Team zur EM nach Zürich gereist. Doch die deutschen Leichtathleten erfüllten die hohen Erwartungen nicht. Dennoch machte die junge Mannschaft Mut für die Zukunft.

Der "Super-Sonntag" mit zweimal Gold und einmal Silber polierte die Medaillenbilanz des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) bei den Europameisterschaften in Zürich noch einmal auf, den Gesamteindruck konnte er jedoch nicht entscheidend korrigieren: Viermal Gold, einmal Silber und dreimal Bronze bedeuteten ein historisches EM-Debakel. Selbst der gesamtdeutsche Minus-Rekord von elf Medaillen (4-5-2) bei der EM 2006 in Göteborg wurde deutlich unterboten. 2012 in Helsinki hatte die deutsche Mannschaft gar noch 16 Medaillen gewonnen, allein sechsmal Gold. "Wir haben die Pflicht erfüllt, bei der Kür haben sich einige Hoffnungen aber nicht realisieren können", zog DLV-Präsident Clemens Prokop eine gemischte Bilanz und merkte an: "Wir haben eine junge Mannschaft nach Zürich geschickt, das ist natürlich auch mit Risiken verbunden."

Gonschinska: "Es fehlte dieses Minimum an Momentum"

Für eine bessere DLV-Bilanz fehlte allerdings auch etwas Glück: Stabhochspringerin Lisa Ryzih wurde höhengleich Vierte, Siebenkämpferin Carolin Schäfer schrammte um 28 Punkte an Bronze vorbei, Hammerwerferin Kathrin Klaas wurde mit dem letzten Versuch noch vom Podest geschubst. "Es fehlte dieses Minimum an Momentum", meinte Gonschinska: "Ich bin mir nicht sicher, ob man mit der Medaillenbilanz das Leistungspotenzial einer Mannschaft beurteilen kann."

 

Geschichte

Die deutschen Medaillen-Gewinner von Zürich

Werfer stark, Möldner-Schmidt überragend

Verlass war einmal mehr vor allem auf die Werfer. Am Abschlusstag machte die favorisierte Kugelstoßerin Christina Schwanitz den ersten großen Freiluft-Titel ihrer Karriere perfekt, zuvor hatte bereits Olympiasieger Robert Harting mit dem Diskus ebenso selbstverständlich Gold eingesammelt wie Schwanitz' Disziplinkollege David Storl. Routinier Linda Stahl (Speer) und die erst 21-jährige Shanice Craft holten Bronze. Für einen überragenden Erfolg sorgte am Sonntag Antje Möldner-Schmidt. Die 30-Jährige stürmte im Rennen ihres Lebens zum ersten deutschen EM-Titel über 3.000 m Hindernis. Für das fulminante Sprintquartett der Männer gab es wie vor zwei Jahren Staffel-Silber, Hürdensprinterin Cindy Roleder rannte zu Bronze.

Eine ganze Reihe Enttäuschungen

Rebekka Haase (v.l.), Tatjana Pinto und Verena Sailer © dpa - Bildfunk Fotograf: Bernd Thissen

Das ging ins Auge: Die Frauen-Sprintstaffel patzte.

Dennoch gab es einige Enttäuschungen: Die Frauen-Sprintstaffel verabschiedete sich nach einem Wechselfehler bereits nach dem Vorlauf und konnte damit ebenso wenig zur Titelverteidigung antreten wie Weitspringer Sebastian Bayer, der in der Qualifikation sang- und klanglos ausschied. Der deutsche Meister Tobias Scherbarth schaffte es in der deutschen Vorzeige-Disziplin Stabhochsprung nach einem "Salto Nullo" ebenfalls nicht ins Finale, im Gegensatz zu Karsten Dilla, der dann aber nicht über seine Anfangshöhe 5,40 m hinauskam. Auch Hammer-Weltrekordlerin Betty Heidler rief ihr Potenzial einmal mehr nicht ab: Rang fünf. Für den hoch gehandelten Sprinter Julian Reus, der vor der EM den deutschen Uralt-Rekord über 100 m auf 10,05 Sekunden verbessert hatte, war im Einzel das Halbfinale Endstation. Die Medaillenhoffnungen von Weitspringer Christian Reif zerschellten am neuen, knallharten Bodenbelag: kein Sprung über acht Meter. Auch die Speerwerfer Thomas Röhler und Andreas Hofmann, die mit guten Vorleistungen angereist waren, verzweifelten am Kunststoffuntergrund und erreichten nicht den Endkampf der besten Acht.

Dilettantische Pannen

Unabhängig von der Diskussion um den neuen Stadionboden präsentierten sich die Gastgeber ungeahnt unpräzise. "Wooow!!!! Züri!", hatte selbstbewusst auf Plakaten, Werbebanden und den Shirts der freiwilligen Helfer geprangt, und damit schien alles gesagt. Die kontinentalen Titelkämpfe würden im legendären Letzigrund ein großer Erfolg werden, da waren sich Offizielle, Athleten und Fans im Vorfeld einig. Doch es kam anders. Peinliche Pannen erinnerten eher an das Niveau eines Dorfsportfestes denn an eine große internationale Meisterschaft. So wurde der erste Weitsprung-Versuch von Kazmirek ungültig gegeben, obwohl er vor dem Brett abgesprungen war. Nachträgliches Messen ergab 7,25 m, nach einem Protest waren es gar 41 Zentimeter mehr. Die von London gebeutelte Heidler musste in der Qualifikation nochmal ran, nachdem ihre Weite aus dem Computer verschwunden war. Und Weitspringerin Melanie Bauschke wähnte sich auf Bronzekurs, bis ihr vor dem letzten Versuch mitgeteilt wurde, sie sei doch nur 6,55 m weit gesprungen. Einer dürren offiziellen Entschuldigung folgte schon am nächsten Tag die nächste Panne: Das 50 km Gehen wurde zehn Minuten zu früh gestartet.

Cooly supercool, Stimmung mau

Das Maskottchen "Cooly" versucht sich beim Stabhochsprung © dpa - Bildfunk Fotograf: Ennio Leanza

Ganz schön sportlich: das Maskottchen "Cooly".

Nur gut, dass es Cooly gab. Das agile Maskottchen, das sogar Stabhochspringen kann, war Gold wert und unterhielt sein Publikum nach Kräften - eine oftmals erschöpfende Angelegenheit. Denn die Stimmung blieb über weite Strecken mau, der Zuschauerzuspruch insgesamt enttäuschend. Eine Konsequenz offenbar aus überhöhten Preisen und der Tatsache, dass mit dem Diamond-League-Meeting kurz nach der EM sprichwörtlich Leichtathletik der Marke "Weltklasse" vor der Tür stand. Weltstars wie Usain Bolt kompakt und kurzweilig an einem Abend zu EM-Preisen - die Entscheidung, welcher Veranstaltung sie den Vorzug geben, fiel den Leichtathletik-Fans in Zürich leicht.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 09.07.2016, 20.15 Uhr

Stand: 01.06.16 14:03 Uhr