Die russische 800-Meter Läuferin Yuliya Stepanova © picture alliance / dpa Fotograf: Michael Kappeler

800 m

Stepanowa-Comeback: Großes Zeichen, bitteres Ende

Der EM-Start der russischen Doping-Whistleblowerin Julia Stepanowas war der Lohn für ihren Mut, massives Doping in ihrer Heimat anzuprangern. Sportlich konnte sie bei ihrer Rückkehr kein Zeichen setzen: Sie musste verletzt aufgeben.

Die letzten Meter waren schmerzhafte für Julia Stepanowa. Das Comeback der russischen Doping-Whistleblowerin auf der großen Leichtathletik-Bühne war mit Spannung erwartet worden. Doch in ihrem 800-Meter-Vorlauf lief für die 30-Jährige wenig zusammen. Früh war die Russin abgeschlagen. Nach gut 600 Metern kam es doppelt bitter: Stepanowa griff sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den rechten Fuß und humpelte als Letzte ins Ziel und wurde disqualifiziert (Erste Diagnose: Riss der Plantarsehne). "Ich bin sehr froh, hier zu sein - dass mir erlaubt wurde, hier zu laufen", sagte Stepanowa: "Alle Athletinnen sind vor dem Rennen zu mir gekommen und haben mir gedankt für das, was ich getan habe. Sie haben mich sehr unterstützt."

Wohlwollender Applaus der Zuschauer

Stepanowa wirkte nervös, als sie sich in ihrer Bahn zum Start aufstellte. Fast ungläubig blickte sie sich im weiten Rund des Amsterdamer Olympiastadions um. Vor wenigen Wochen hätte die Russin wohl nicht zu träumen gewagt, wieder bei internationalen Meisterschaften dabei sein zu dürfen. Kurzes Stocken als der Stadionsprecher ihren Namen aufrief, doch der wohlwollende Applaus der Zuschauer zauberte ein schüchternes Lächeln auf das derzeit bekannteste Gesicht der Leichtathletik.

Startrecht als "neutrale Athletin"

Die russische 800-Meter Läuferin Yuliya Stepanova (v.) und die deutsche Christina Hering © picture alliance / dpa Fotograf: Michael Kappeler

"Ich find's richtig, dass sie hier laufen durfte", sagte Christina Hering (l.) über Julia Stepanowa.

Der Weltverband IAAF hatte der Mittelstreckenläuferin wegen ihrer Verdienste bei der Aufklärung des systematischen Dopings in Russland erst in der vergangenen Woche das Startrecht als "neutrale Athletin" erteilt. Stepanowa lief unter der Flagge des europäischen Verbandes, der Rest des russischen Teams ist bis auf Weiteres international gesperrt. "Ich find's richtig, dass sie hier laufen durfte", sagte Christina Hering, die in Stepanowas Durchgang als Vierte weiterkam. Die Litauerin Egle Balciunaite nahm die enttäuschte Russin fürsorglich in den Arm, als diese schließlich ins Ziel gehumpelt war. Auch die Vorlauf-Siegerin Selina Büchel kümmerte sich um die Konkurrentin, die eine zweijährige Dopingsperre abgesessen und als Bestmarke aus dem Jahr 2009 eine 1:58,99 stehen hat.

"Die Regeln und ihre Gegner respektieren"

"Nach all den Monaten ist das Wichtigste, dass sie wieder die Möglichkeit hat zu laufen", hatte ihr Ehemann Witali Stepanow vor dem Comeback in einem Interview mit der französischen Sportzeitung "L'Équipe" gesagt. "Sie will einfach nur teilnehmen, die Regeln und ihre Gegner respektieren." Stepanow hatte einst für die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA gearbeitet und die Machenschaften in Russland zusammen mit seiner Frau aufgedeckt.

Flucht in die USA

Seitdem ist im Leben des Ehepaars nichts mehr so, wie es einmal war. Aus Furcht vor Vergeltung war das Ehepaar mit ihrem Kind aus Russland geflohen und lebt mittlerweile an einem geheimen Ort in den USA. Von Zeit zu Zeit startete sie bei kleineren Meisterschaften und im vergangenen Jahr auch beim traditionsreichen ISTAF in Berlin. Die Veranstalter laden normalerweise keine Dopingsünder ein. Für Stepanowa machten sie eine Ausnahme.

Olympia-Starterlaubnis beim IOC beantragt

Ob die Whistleblowerin auch bei den Olympischen Spielen in Rio (5. bis 21. August) starten darf, ist indes noch ungewiss. Die Starterlaubnis hat die Russin beim Internationalen Olympischen Komitee beantragt. Dass bestätigte IOC-Präsident Thomas Bach der Tageszeitung "Die Welt". "Wir haben am Mittwoch eine E-Mail von ihr bekommen, in der sie um die Startberechtigung nachsucht", sagte Bach. "Die erforderliche Qualifikationszeit hat sie nach ihren Angaben bei einem Rennen im vergangenen Jahr in Deutschland erreicht." Am Donnerstag teilte das IOC mit, dass es in der Frage einer Startgenehmigung Stepanowas die eigene Ethik-Kommission eingeschaltet hat, die die Russin anhören soll.

Das IOC besteht bisher darauf, dass sämtliche russische Athleten in Rio unter dem russischen NOK und damit der russischen Flagge antreten müssen. Stepanowa, die in ihrem Heimatland als Verräterin gilt, will dies laut Bach auf keinen Fall. "Wenn ich unter der russischen Flagge nicht willkommen bin, starte ich unter einer neutralen Flagge", sagte sie.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 09.07.2016, 20.15 Uhr

Stand: 07.07.16 17:11 Uhr